Oliver Bottini

Monat

Februar 2012

19 Einträge

Maulkorbgespräche

Wenn ich Menschen zu mir nach Hause einlade, möchte ich, dass sie unbeschwert sagen, was sie denken. Ich möchte nicht, dass sie sich einen Maulkorb anlegen und jedes Wort abwägen aus Sorge, irgendeiner der anderen Anwesenden könnte am nächsten Tag in die Halböffentlichkeit von Facebook stellen, was sie gesagt haben, ob nun anonymisiert oder nicht. Auch wenn es politisch nicht korrekt war, vielleicht doof, unbedacht dahingesagt, oder eine Haltung ausdrückte, die ein anderer verdammenswert fand. Ich möchte, dass sie bei mir zu Hause darauf vertrauen können, nicht am nächsten Tag von einem meiner anderen Gäste im Internet lächerlich gemacht und darüber hinaus von Kommentatoren, mit denen sie nie ein Wort gesprochen haben, verspottet zu werden. Ob sie selbst das alles nun mitbekommen oder nicht: Mir tut es weh. Sie waren meine Gäste. Ich habe ihnen mit meiner Wohnung einen Schutzraum zur Verfügung gestellt und muss nun lesen, dass einer, der ebenfalls eingeladen war, sie für ein paar Likes Gleichgesinnter an den Pranger stellt, weil er findet, dass sie etwas Anzuprangerndes gesagt hätten.

Soll ich mir sagen: Ach komm, ist doch alles nicht so dramatisch? Der Verspottete hat es ja gar nicht mitbekommen. Dann müsste ich in Zukunft Warnungen an meine Gäste aussprechen: “Sagt heute Abend nichts, was ihr nicht morgen auch auf Facebook lesen wollt.” Oder: “Sagt in XYs Gegenwart nichts, was seine Facebook-Freunde nicht morgen kommentieren sollen.” Nötig wäre es, denn manche meiner Freunde sind schon etwas älter und wissen nicht, dass andere in einem Reich namens post privacy leben.

Aber das wäre absurd. Wir hätten nur noch Maulkorbgespräche.

Und es würde ein anderes Problem nicht lösen: Muss ich nicht damit rechnen, dass der Betreffende irgendetwas auf Facebook stellt und von anderen verurteilen lässt, was ich zu ihm sage? Ich müsste nun also immer, wenn ich mit ihm kommuniziere, jedes Wort genau abwägen. Ich müsste mir einen Maulkorb anlegen.

Auch das kann keine Lösung sein. Was also ist die richtige Lösung? Ich weiß es nicht. In den ersten Momenten fand ich, ich müsste eine radikale Konsequenz ziehen: die reale und die virtuelle Freundschaft beenden. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Aber ich weiß: Es war richtig und wichtig, darüber einen wütenden kleinen Post zu schreiben und für den einzutreten, der zum Gespött gemacht wurde, ohne es zu wissen (zum Glück).

Warum ich das an dieser Stelle getan habe? Weil die Gäste eingeladen waren, um mit mir die Veröffentlichung von “Der kalte Traum” zu feiern.

Feb 28, 2012
#Maulkorb #Facebook #post privacy #Freundschaft
Feb 26, 20122 notes
#Tagesspiegel #Kolja Mensing #Der kalte Traum #Krimi #Buch #Rezension
Feb 21, 201268 notes
#Patricia Highsmith #Autorinnen #Krimi #Literatur
Feb 18, 2012
#Der kalte Traum #Bottini #Kroatien #Jugoslawienkrieg #Kriegsverbrechen
Feb 18, 2012
#Ondaatje #Kracht #Imperium #Katzentisch #Hanser #Kiepenheuer
Nachtrag zu "ja zum Buch"

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Die Buchpreisbindung wurde in der Schweiz nach jahrelangem Rechtsstreit 2007 aufgehoben. Nun soll sie wieder eingeführt werden. Doch gegen das Buchpreisbindungsgesetz von National- und Ständerat gibt es Widerstand. Ein Referendumskomitee “NEIN zu überteuerten Büchern” hat mit gut 60.000 mehr als die für eine Volksbefragung nötigen 50.000 Unterschriften gesammelt, sodass es am 11. März 2012 zu einer Abstimmung kommen wird. Unterstützer des Komitees waren unter anderem die rechte SVP, die FDP, die Piratenpartei sowie der Discounter Ex Libris (Bücher, DVDs, Software etc.), eine Tochter der Migros-Gruppe.

Buchpreisbindung = “überteuerte Bücher”?

Auf billigbuch.ch kann man sich für jedes Buch unter rund 20 Online-Anbietern den mit dem günstigsten Preis heraussuchen lassen. Zwei Beispiele (Preise in Euro umgerechnet, Kurs vom 17.2.12, 1 CHF = 0,83 Euro):

Stephen King, Der Anschlag
(2012, Hardcoverausgabe)

1. 20,63 Euro (Weltbild, kein Porto)
2. 22,49 Euro (Amazon, kein Porto)
5. 24,44 Euro (Ex Libris, kein Porto)
6. 26,99 Euro (Deutschland, Buchpreisbindung, kein Porto)
13. 30,57 Euro (Thalia, kein Porto)
21. 35,89 Euro (Buchland, inkl. Porto)

In Deutschland kostet Der Anschlag in jeder Buchhandlung sowie online (ohne Porto) buchpreisgebunden 26,99 Euro. Das ist im Vergleich mit den Schweizer Online-Anbietern der sechstgünstigste Preis. Überteuert ist alles ab, sagen wir: 30,00 Euro. Das bedeutet: 13 der von billigbuch.ch gelisteten 21 Online-Anbieter verkaufen den Roman überteuert.

Jan Costin Wagner, Das Schweigen
(2009, Taschenbuchausgabe)

1. 6,63 Euro (Amazon)
2. 7,70 Euro (Storyworld)
3. 7,87 Euro (Ex Libris)
4. 7,99 Euro (Deutschland, Buchpreisbindung, kein Porto)
11. 12,34 Euro (Thalia)
20. 15,49 Euro (Buchland)
21. 15,67 Euro (Huber & Lang)

In Deutschland kostet Das Schweigen in jeder Buchhandlung sowie online (ohne Porto) buchpreisgebunden 7,99 Euro. Das ist im Vergleich mit den Schweizer Online-Anbietern der viertgünstigste Preis. Überteuert ist alles ab, sagen wir: 9,50 Euro. Das bedeutet: 18 der von billigbuch.ch gelisteten 21 Online-Anbieter verkaufen den Roman überteuert.

Selbst wenn man nun von dem Klischee ausgeht, in der Schweiz sei alles teurer als in Deutschland, also auch Bücher, und den von bösen Abzockerkartellen festgelegten deutschen Preis nicht als Referenzgröße nimmt, zeigen diese beiden Übersichten: Ohne Buchpreisbindung veranschlagen die meisten Online-Anbieter, gemessen an den Billiganbietern, bei King und Wagner überteuerte Preise. Wer die Anti-Buchpreisbindungs-Kampagne “NEIN zu überteuerten Büchern” ernst nimmt, muss also logischerweise für die Wiedereinführung der Buchpreisbindung in der Schweiz stimmen.

(Abb. oben via wunder-voll)

Feb 17, 2012
#Schweiz #Buchpreisbindung #Das Schweigen #Der Anschlag #Jan Costin Wagner #Stephen King
Feb 16, 201221 notes
#Buchpreisbindung #Schweiz #Buchhandlung #Bottini
Feb 16, 20126 notes
#Lüders #Buchhandlung #Bottini #Hamburg
Feb 15, 2012
#chilli #Freiburg #Der kalte Traum #Bottini
Željko und Nada Peratović

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In 11 Tagen erscheint “Der kalte Traum”, am 22.2.12. Ziemlich genau vor einem Jahr, Mitte Januar 2011, habe ich in Zagreb die beiden Menschen getroffen, die für die Entstehung des Romans mit am wichtigsten waren: den kroatischen Journalisten  Željko Peratović und seine Frau Nada. Obwohl wir uns nie zuvor gesehen hatten, stellten sie mir die Wohnung einer Verwandten in der Zagreber Innenstadt zur Verfügung und holten mich vom Flughafen ab. Zwei lange Gespräche über den Jugoslawienkrieg folgten, insgesamt mehr als sieben Stunden. Željko beantwortete meine Fragen, Nada übersetzte. Während des Krieges hat  Željko aus den Kampfgebieten berichtet, später als einer der Ersten über kroatische Kriegsverbrechen geschrieben. Dafür erhielt er 2003 von Reporter ohne Grenzen / Österreich den “Press Freedom Award”.

Wenn man mit  Željko durch Zagreb geht, wird er alle paar Meter von einem Passanten begrüßt. Željko Peratović ist sehr bekannt in seiner Heimat - und manchen Mächtigen von damals und heute noch immer ein Dorn im Auge. So zeigte ihn Innenminister Karamarko vor drei Jahren an, weil er Informationen veröffentlicht habe, die zu “Aufregung in der Bevölkerung” (!) führen könnten. Anders als früher trauen sich die Printmedien nicht mehr, seine Artikel abzudrucken, er kann nur noch auf seinem Blog “45 lines” (auch englische und deutsche Beiträge) veröffentlichen. Dort setzt er seinen manchmal fast manisch anmutenden Kampf gegen Vertuschung und Geschichtsklitterung fort und leistet für sein Land etwas, was unumgänglich ist: die Auseinandersetzung mit der nationalen Vergangenheit. Irgendwann wird Kroatien es ihm danken.

Fotos der Zagreb-Reise: hier.

Foto von Željko und Nada Peratović (2008): privat

Feb 11, 20121 note
#Peratović #Der kalte Traum #Zagreb #Jugoslawienkrieg #Kroatien
Feb 11, 201215 notes
#Zagreb #St. Markus #Kroatien #Croatia
Feb 7, 201223 notes
#Sarajevo #Winter #Sommer #Bankomat
Feb 7, 20122,383 notes
#Existenzialismus #Camus #Winter #Sommer
Feb 5, 2012
#Sarajevo #inter:est #Bosnien #Little Global Cities #Kerber
Feb 5, 201210 notes
#Sarajevo #Moscheen #Tito #Miljačka #Bosnien #Little Global Cities
Geschmackssache

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Besser lesen hat Bonì 3 gelesen und findet:

“Die Spannungskurve flacht zwischendurch auch mal wieder ab und ist selten so nervenzerfetzend, dass man unbedingt weiterlesen MUSS – aber ich merke so allmählich, dass ich das gar nicht immer brauche. Es braucht gar nicht immer ständig neue Wendungen, damit mich eine Geschichte fesselt.”

Das sind die LeserInnen, die ich mir wünsche.

Ein zugegeben naiver Gedanke, der mich schon lange umtreibt: Wie findet ein Buch seinen idealen Leser? Der Actionthriller den, der Action will? Der leise Krimi den, der es nicht laut braucht? Marketingab-teilungen wollen so breit wie möglich streuen. Die Folge: Viele Leser haben Erwartungen, die enttäuscht werden. Wem bringt das langfristig was? Niemandem. Enttäuschte Leser ärgern sich, weil sie Geld ausgegeben haben, und raten von einem Roman ab - vielleicht auch dem (Nicht-)Leser, der nicht enttäuscht wäre. Deshalb sind ausführliche Rezensionen auf Blogs oder Amazon so wichtig, auch Listen wie die KrimiZeit-Bestenliste oder die SWR-Bestenliste, die andere Kriterien als die Verkaufszahlen ansetzen (und von einer ausreichend großen Anzahl von Juroren erstellt werden). Klar, man greift trotzdem immer wieder mal daneben - aber vielleicht nicht mehr so oft.

Feb 4, 20121 note
#Bottini #Im Auftrag der Väter #Besser lesen #KrimiZeit #SWR
Feb 3, 2012
#Berlin Rottweil Bottini Zug Winter
Feb 3, 20123 notes
#Bahnhof #Berlin #Der kalte Traum #Rottweil #Lesung #Bottini
Feb 3, 2012
#Bottini #Der kalte Traum #Interview #Nordwestradio #Radio #Studio
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