Maulkorbgespräche
Wenn ich Menschen zu mir nach Hause einlade, möchte ich, dass sie unbeschwert sagen, was sie denken. Ich möchte nicht, dass sie sich einen Maulkorb anlegen und jedes Wort abwägen aus Sorge, irgendeiner der anderen Anwesenden könnte am nächsten Tag in die Halböffentlichkeit von Facebook stellen, was sie gesagt haben, ob nun anonymisiert oder nicht. Auch wenn es politisch nicht korrekt war, vielleicht doof, unbedacht dahingesagt, oder eine Haltung ausdrückte, die ein anderer verdammenswert fand. Ich möchte, dass sie bei mir zu Hause darauf vertrauen können, nicht am nächsten Tag von einem meiner anderen Gäste im Internet lächerlich gemacht und darüber hinaus von Kommentatoren, mit denen sie nie ein Wort gesprochen haben, verspottet zu werden. Ob sie selbst das alles nun mitbekommen oder nicht: Mir tut es weh. Sie waren meine Gäste. Ich habe ihnen mit meiner Wohnung einen Schutzraum zur Verfügung gestellt und muss nun lesen, dass einer, der ebenfalls eingeladen war, sie für ein paar Likes Gleichgesinnter an den Pranger stellt, weil er findet, dass sie etwas Anzuprangerndes gesagt hätten.
Soll ich mir sagen: Ach komm, ist doch alles nicht so dramatisch? Der Verspottete hat es ja gar nicht mitbekommen. Dann müsste ich in Zukunft Warnungen an meine Gäste aussprechen: “Sagt heute Abend nichts, was ihr nicht morgen auch auf Facebook lesen wollt.” Oder: “Sagt in XYs Gegenwart nichts, was seine Facebook-Freunde nicht morgen kommentieren sollen.” Nötig wäre es, denn manche meiner Freunde sind schon etwas älter und wissen nicht, dass andere in einem Reich namens post privacy leben.
Aber das wäre absurd. Wir hätten nur noch Maulkorbgespräche.
Und es würde ein anderes Problem nicht lösen: Muss ich nicht damit rechnen, dass der Betreffende irgendetwas auf Facebook stellt und von anderen verurteilen lässt, was ich zu ihm sage? Ich müsste nun also immer, wenn ich mit ihm kommuniziere, jedes Wort genau abwägen. Ich müsste mir einen Maulkorb anlegen.
Auch das kann keine Lösung sein. Was also ist die richtige Lösung? Ich weiß es nicht. In den ersten Momenten fand ich, ich müsste eine radikale Konsequenz ziehen: die reale und die virtuelle Freundschaft beenden. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Aber ich weiß: Es war richtig und wichtig, darüber einen wütenden kleinen Post zu schreiben und für den einzutreten, der zum Gespött gemacht wurde, ohne es zu wissen (zum Glück).
Warum ich das an dieser Stelle getan habe? Weil die Gäste eingeladen waren, um mit mir die Veröffentlichung von “Der kalte Traum” zu feiern.