Trotz Putin dank Großmeister im Radio

Marija Bakker von “WDR 5 Bücher” wollte vor ein paar Tagen wissen, was ich vier Jahre lang hinter der Rezeption einer schummrigen Pension gemacht habe. Na ja, anderes wollte sie auch wissen. Sie hat übrigens eine schöne Stimme.

Ich dagegen klinge irgendwie ein bisschen verschlafen, finde ich. Dabei war ich hellwach, ich hatte einen wilden Ritt durch Berlin hinter mir, um pünktlich zur Aufzeichnung im Hauptstadtstudio zu sein, der Puls raste noch. 1.6., der Putin-Besuchstag, aber wer denkt schon an Putin, wenn er von Wilmersdorf in die Wilhelmstraße will?

Die Straße des 17. Juni am Großen Stern nicht gesperrt. Rein konnte ich noch. Raus war schwierig: Megastau (25 Minuten bis zur Aufzeichnung). Also Parkplatz gesucht (20), in Taxi gesprungen (18), und los ging’s. Das Auto deutlich im Rentenalter, der Fahrer auch, die eine oder andere Zahnlücke, im Fahrtwind wehendes weißes Haar. “Manche Leute”, sagte er, “haben ja Probleme, das Pedal in der Stadt bis 80 durchzudrücken. Ich nicht.” Wie auch, er war, erzählte er, Ende der siebziger Jahre Großmeister irgendeiner Stadtrallye gewesen.

“Ich bin Ihr größter Fan”, sagte ich. (15)
“Festhalten”, sagte er.

Über Kopfsteinpflaster an der S-Bahn-Trasse entlang durch Berliner Hinterhöfe, die Backsteinbögen vorbeirasend wie sonst nur Bäume hinterm ICE-Fenster. (10) Kein Polizist entging dem erfahrenen Großmeisterblick. Tauchten in der Ferne rote Ampeln auf, wurde der Motor ausgeschaltet. Ich fragte nicht. Bestimmt ein Großmeistertrick, um mit dem Getriebe auch die Zeit anzuhalten. (10)

Verschwommen Hauptbahnhof und Kanzleramt. (8)

“Verdammt”, sagte der Großmeister, die Reifen sangen: Stau vor einer Ampel, schon in Mitte. Motorradpolizisten mit argwöhnischer Haltung und eher uncoolen Sonnenbrillen. Bis zur Ampel vorrobben, wieder Rot.

“Ohne die Grünen wär ich noch gefahren”, sagte der Großmeister. (6)
“Ich bin Ihr allergrößter Fan, auf Lebenszeit”, sagte ich.
“Das Leben ist kurz.”
“Ich meinte mein Leben.”
“Festhalten”, sagte er. (5)

Die Kurve geschnitten, bevor anderes Blech entgegenkommen konnte.

“Verdammt”, sagte der Großmeister, die Reifen sangen: Stau vor der Marschallbrücke. “Da vorn, das rote Gebäude.”
“Ich weiß.”
“Rennen Sie.” (3)

“Gutes Timing”, sagte der Techniker. (1)
“Nur wenn Putin in der Stadt ist, sonst komme ich meistens zu spät.”

“Herzlich willkommen bei ‘Bücher’, Herr Bottini”, sagte Marija Bakker.

Anmerkungen

  1. oodblood hat diesen Eintrag von oliverbottini gerebloggt
  2. randomberlinchick hat diesen Eintrag von oliverbottini gerebloggt und das hinzugefügt:
    Spannender als der Weg zum Radio Interview kann seiner Krimi nicht sein ;-)
  3. von oliverbottini gepostet