Einträge getaggt mit Linus Reichlin

Wie ich meine Kundenbeziehung zu DHL beendet habe, weil mein Freund Linus nicht da wohnt, wo er wohnt

Da steigt man eines Morgens fröhlich ins Auto und fährt nach Kreuzberg, um Dinge zu erledigen, und kommt bei der Rückfahrt, noch immer fröhlich, auf eine glorreiche Idee: rasch nach Charlottenburg, mit Abholschein ein DHL-Päckchen abholen, Ku’damm 195, dumme Idee.

15 Minuten Parkplatzsuche. 50 Cent für den Parkschein. Weit laufen. Lange anstehen. Päckchen nicht da.

Die ratlose Angestellte: “Ich frag mal den Kollegen.”

Der Kollege: “Holen Sie immer bei uns ab?”
“Nein, Uhlandstraße.”
“Dann wird’s dort liegen, wegen Ihrer Adresse.”
“Aber auf dem Abholschein steht Kurfürstendamm 195.”
“Ja, aber hier ist es nicht.”

Der Kollege muss überredet werden, in der Uhlandstraße anzurufen. Er verschwindet hinter dem Sichtschutz. Kommt wieder.

“Da geht keiner dran.”
“Wie, da geht keiner dran? In einer Postfiliale?”
“Ja, sicher, wenn’s da voll ist, gehen die nicht ans Telefon.” Außerdem sei er für DHL nicht zuständig, Reklamieren nütze nichts, er sei Postbank, nicht DHL, haben Sie das Schild draußen nicht gesehen? Er reicht ein Kärtchen – Unser Service für Sie mit einer kostenlosen Reklamationsrufnummer.

Aber ich will doch gar nicht reklamieren. Ich will doch nur, dass er sagt: “Hey sorry, da hat der Fahrer zum falschen Abholschein gegriffen, blöd dass Sie umsonst in der Gegend rumfahren mussten.” Ist aber nicht. Die Post schult ja nicht in Kundenservice. Das kann man, oder man kann es nicht. Der Kollege kann es nicht und schnauzt lieber: “Ja, soll ich jetzt für Sie da hinfahren, oder was?”

Durchatmen. Es war zu erwarten, es ist eingetroffen, im Leben geht nicht alles glatt, vor allem, wenn man mit DHL in Kontakt kommt, so what, also Uhlandstraße.

Weit zurücklaufen. Ein bisschen fahren.

Ja, es ist voll. Die Schlange endet draußen auf dem Gehsteig: 20 Minuten Warten.

Dann bringt die Angestellte – Halleluja! - ein Päckchen. Vorne drauf viele Aufkleber von DHL. Die Schrift - von mir. Im Päckchen “Der kalte Traum” von mir für den Linus, der den “Traum” im Päckchen nie erhalten hat, weil er nicht da wohnt, wo er wohnt. Sagt DHL. Über der Adresse vom Linus ein Aufkleber, der das amtlich macht. Weil DHL immer recht hat, verdächtigt die Angestellte mit zittriger Stimme mich: “Falsche Postleitzahl?” Sie zieht den Aufkleber ab, überprüft in alter PLZ-Kladde. Nein, richtige Postleitzahl. Alles andere auch richtig. Bloß ein falscher Abholschein und ein fälschlicherweise nicht zugestelltes Päckchen mit einer Büchersendung für 1,40 Euro.

Wieder keine Entschuldigung. Und Reklamieren nützt nichts, sie sei, sagt das zittrige Stimmchen, für DHL nicht zuständig, sie sei Post, nicht DHL. Sie reicht ein Kärtchen – Unser Service für Sie mit einer kostenlosen Rufnummer.

Ich will keine Kärtchen mit einer Service(!)rufnummer von DHL! Ich habe Angst vor diesen Kärtchen! Anrufe bei Service(!)rufnummern von DHL müssen im Wahnsinn enden!

Und jede Wette: Genau das ist der Sinn dieser Kärtchen von DHL.

“Da rufen Sie an, erklären das Ganze und schicken den Umschlag …”
“Nein! Ich will nicht! Wie viel Zeit und Nerven und Geld das kostet!”
“Nein, nein, der Anruf ist kostenlos.”
“Ich will den Filialleiter sprechen!”
Das Stimmchen wird noch leiser. “Der steht vor Ihnen.”
“Sehen Sie, ich will doch nur, dass irgendjemand sagt: Entschuldigung! Wir haben Ihnen eine falsche Abholkarte eingeworfen und Ihr Päckchen irrtümlich nicht zugestellt, und es tut uns leid, dass Sie das eineinhalb Stunden und 1,40 Euro Porto und 50 Cent Parkschein gekostet hat!”
“Entschuldigung.”
“Okay. Danke. Ist nicht Ihre Schuld.”
“Ich kann Ihnen leider nur das Porto ersetzen, mehr kann ich nicht tun.”
“Okay. Ersetzen Sie mir das Porto. Danke. Sie sind eine freundliche Filialleiterin. Ich danke Ihnen.”

Im Auto wider besseres Wissen: der Anruf.

Eine Männerstimme, vom Band, ein “herzlicher”Gruß. “Nennen Sie mir jetzt einfach ein Stichwort: Geht es um einen Brief, ein DHL-Paket, eine DHL-Expresssendung …”
“DHL-Paket.”

Falsch.

Eine Frauenstimme, leider nicht vom Band und wenig herzlich. Ich hätte “Brief” sagen müssen. Sie sei von DHL.

“Aber ich wollte doch zu DHL! Auf dem Umschlag sind lauter DHL-Aufkleber …”
“Wir sind erst ab 4,90 Euro zuständig, was Sie da haben, ist ein Brief!”
“Nein, es ist ein Päckchen, ein Büchersendungspäckchen …”
“Es ist ein Brief, 1,40 Euro ist ein Brief, Sie sind hier falsch, ich bin von DHL, Sie haben die falsche Rufnummer gewählt!”
“Aber ich habe diese Nummer doch von zwei Postmitarbeitern …”
“Und wenn Sie es noch fünfmal sagen, sind Sie hier nicht richtiger!”

Aufgelegt.

Sie, nicht ich.

Weil jede Geschichte ein Ende braucht: noch mal angerufen. “Brief” gesagt. Die freundliche Männerstimme: “Wir gehen neue Wege! Wir rufen Sie zurück!” Wahlweise zum Wunschtermin innerhalb der Service(!)zeiten oder sofort.
“Sofort!”

Aber “sofort” ist natürlich relativ. Es kann sich hinziehen, vor allem bei DHL. Nun zieht es sich schon 7,5 Stunden hin.

In 17 Minuten enden die heutigen Service(!)zeiten.

17 Minuten Zittern.

Ich habe angefangen zu beten, dass “sofort” bei DHL 40 Jahre dauert. Ich möchte nicht mehr zurückgerufen werden. Ich habe Angst. Ich möchte noch nicht wahnsinnig werden.

Ich möchte nur einfach meine Kundenbeziehung zu DHL beenden.

Sofort.

Und dem Linus seinen “Traum” beim nächsten gemeinsamen Mittagessen in die Hand drücken.